Interview mit Rektor Prof. Dr. Bernhard Eitel der Universität Heidelberg
Frage:
Können Sie uns bitte das Konzept der beiden Universitäten Heidelberg und Freiburg skizzieren. Wieso denken Sie, dass man sich für dieses Konzept entscheiden sollte?
Prof. Eitel: Also, wir haben ein Clusterkonzept. Das heißt, wir haben eine ganze Reihe von Akteuren, die Ihre Kompetenzen bündeln und daraus ein Konzept bilden, innerhalb dessen dieses Zentrum für Islamische Studien realisiert werden könnte. Wenn wir verschiedene Akteure, die sich gut verstehen, zusammen bringen, entsteht ein Mehrwert. Dabei sind die meisten Akteure hier in Heidelberg ansässig, die PH Heidelberg, die Uni Heidelberg und die Hochschule für jüdische Studien. Wir haben Mannheim direkt vor der Tür, die Rhein-Neckar-Metropole. Da sind die vielen Gemeinden, mit denen wir hier engen Kontakt pflegen können. Freiburg bringt seine Kompetenzen ein, vor allen Dingen in Orientalistik, aber auch mit der Katholischen Fakultät, wir haben hier eine Evangelische Fakultät. So ergibt sich ein Strauß von Möglichkeiten, und wir haben ja auch eine gemeinsame graduierende Ausbildung in Planung. Das heißt, wir könnten gemeinsam versuchen, eine Doktorandenausbildung anzubieten, das heißt, auch wissenschaftliche Perspektiven angehen.
So, warum in Heidelberg?
Ich kann Ihnen nicht sagen, warum nicht in Tübingen. Aber ich kann Ihnen die Vorteile von Heidelberg nennen. Wir haben eine Vielfalt in Heidelberg: Die Islamstudien in Heidelberg, die Evangelische Fakultät in Heidelberg, die Philosophen in Heidelberg, eine ganze Reihe von Kooperationen in der Lehrerausbildung mit der PH. Wir haben in Heidelberg als einziger Stadt in Baden-Württemberg das ganze Spektrum der Lehrerausbildung. Das heißt, von der Sonderschule und der Grundschule über die Hauptschule, die Realschule bis hin zum Gymnasium haben wir alles am Ort. Dadurch ergibt sich eine Vielfalt von Modulen. Und das versetzt uns mit Freiburg in die Lage, so viele Wahlpflichtmodule innerhalb eines Studiengangs, der noch zu entwickeln ist, zusammen zu bringen, dass viele Studierende individuelle Ausbildungswege gehen können, um damit auch ein individuelles Abschlussprofil zu bekommen.
Wir halten das für wichtig angesichts der islamischen Welt. Wir haben ja nicht eine islamische Kirche vor uns, wie die römisch-katholische oder die evangelische Landeskirche, sondern wir haben unterschiedlichste Gemeinden, unterschiedlichste Nationalitäten, die sich damit verbinden und unterschiedlichste Säkularisierungsgrade. Deshalb ist es notwendig, dass am Ende des Studiums auch Absolventen vorhanden sind, die sich ein individuelles Abschlussprofil erarbeitet haben, damit sie auch in den verschiedenen Gemeinden Akzeptanz finden.
Das Ganze wollen wir – das ist auch der Inhalt unseres Konzepts - in drei Schritten aufbauen. Wir halten es für nahezu illusionär, alles schlagartig zu machen oder mit dem schwierigsten anzufangen, mit der Imamausbildung. Wir wollen zunächst beginnen mit der Lehramtsausbildung. Viele Gespräche mit den Gemeinden hier in der Region haben gezeigt, die Lehramtsausbildung ist ihnen ganz wichtig. Wir denken, dass es auch ganz wichtig ist, in Verbindung mit dem islamischen Religionsunterricht. In Verbindung mit den anderen Schulfächern ist es eine hervorragende Möglichkeit, Akzeptanz unter den Studierenden zu finden und gleichzeitig über die Schulen in die Gemeinden zurück zu arbeiten. Der zweite Schritt, zeitlich versetzt - über die Zeit kann man reden, so ein bis zwei Jahre -, wäre der Beginn mit den Sozialberufen die wir brauchen in den Gemeinden. Das sagen nicht wir, das haben uns die Gemeinden signalisiert. Vom Gemeindehelfer und Jugendarbeiter über den Berufsscout hinaus unterschiedlich ausgebildete, kompetente Personen, die in diesen Sozialberufen besonders für die islamischen Gemeinden ausgebildet sind. Als dritter Schritt die Imamausbildung, wobei die Imamausbildung unter wissenschaftlichen Kriterien erfolgt. Dann sozusagen die geistliche Ausbildung in den Gemeinden, und dann die Entscheidung, die Absolventen einzustellen oder nicht. Das heißt, das Studium kann jeder belegen, es ist ein wissenschaftliches Studium. Wir haben ein dreistufiges Konzept, und das ganze eingebettet in die Internationalität der beiden Exzellenz-Universitäten Heidelberg und Freiburg. Ich glaube, beide Universitäten sind sehr international aufgestellte Universitäten. Wir haben sehr gute Verbindungen zu Universitäten im Ausland, das ist im Endeffekt auch ein Angebot. Ich denke, im Endeffekt ist dieses Clusterkonzept mit seinen drei Stufen ein realisierbares Konzept.
Zwischenfrage:
Wie ist es dann für die Studierenden? Werden die Studenten zwischen den beiden Unis pendeln?
Prof. Eitel: Die Details sind noch nicht geklärt. Wir werden über die beiden Studentenwerke eine Infrastruktur aufbauen, so dass für die Studierenden, die wechseln, auf jeden Fall ein Wohnheimplatz reserviert ist. Es wird kein Pendeln in einem Semester geben. Wie für andere Studierende auch, die ins Ausland gehen für ein halbes oder ein Jahr, genau so wird es dann für die Studenten hier sein.
Frage:
In welcher Form, mit welchem Einfluss werden die Muslime in die Bildung des Zentrums für Islamische Studien einbezogen? Wie wirken sie mit?
Prof: Eitel: Uns schweben zwei Dinge vor. Einmal der Beirat, in dem sind die muslimischen Verbände ganz wichtig. Sie werden die Orientierung des Studiengangs mitgestalten. Die Professoren, die berufen werden, sollten natürlich muslimischen Glaubens sein. Die Ausrichtung der Professuren werden sie mitbestimmen. Die Beiratskonstruktion wird überall gleich sein, weil sie ja auch vom Wissenschaftsrat vorgegeben ist. Das wichtige ist, die Ausbildung bleibt eine wissenschaftliche Ausbildung. Das heißt, die Berufung erfolgt nach wissenschaftlichen Kriterien. Die Ausrichtung der Professuren bestimmt der Beirat, aber die Berufung der Professoren und die Erstellung der Kriterien dafür liegt bei der Uni. Der Beirat muss natürlich mit den Professoren einverstanden sein. Wir wollen neben dem wissenschaftlichen Beirat ein „wise counsil“ erstellen mit Experten aus Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft, aber auch mit Vertretern aus den Gemeinden, die dann das Zentrum insgesamt beraten. Die Rahmenbedingungen für den Beirat werden vom Wissenschaftsrat festgelegt, und daran werden wir uns orientieren.
Frage:
Wie wird sich die Verteilung der Muslime in Baden-Württemberg auf den geplanten Beirat auswirken? Nach welchen Kriterien? Nach der Zahl der einzelnen Gruppen oder je nach Einfluss der Verbände?
Prof. Eitel: Zuerst müssen wir mal schauen, wer will überhaupt. Nicht, wen wir uns wünschen, wer will mitmachen. Danach müssen wir uns mit den Verbänden zusammen setzen. Es werden aber auch regionale Verbände eine Rolle spielen, also nicht nur Bundesverbände, gerade in Heidelberg und Mannheim. Wir haben aber keine abschließende Entscheidung getroffen. Wir wollen diese Entscheidungen erst treffen, wenn es Sinn macht, also wenn das Zentrum hier gegründet wird. Es gibt ja auch noch keine Vorgaben. Wir haben keine verlässlichen Rahmenbedingungen, was mich auch bisschen verunsichert. Deswegen wollen wir die Beiratszusammensetzung erst dann ansprechen, wenn auch sicher etwas da steht.
Frage:
Gibt es auf der muslimischen Seite schon praktische Vorarbeiten, um die Grundstruktur des Beirats zu erstellen?
Prof. Eitel: So weit ich weiß, halten sich die Bundesverbände sehr zurück, die Landesverbände eher auch. Auf lokaler Ebene gibt es viele Interessenten, die ihre Kompetenzen einbringen wollen. Die Interessen sind vielfältig.
Frage:
Wie wird die personelle Besetzung des Zentrums ablaufen, ohne dabei in Konflikt mit den Verbänden zu kommen? Wie möchten Sie dies bewältigen?
Prof. Eitel: Das müssen wir beraten, das ist alles Neuland. Die Frage ist nicht, wie wir damit umgehen, sondern wie wir geeignete Professoren finden. Wenn sie ein funktionierendes Institut haben, dann haben sie Netzwerke der Wissenschaftler und Sachverstand, um einen ausscheidenden Kollegen zu ersetzen. Wenn Sie das nicht haben, haben Sie Informationsbedarf. Was mir da vorschwebt, ist auf den Rat unserer Partneruniversitäten zu hören. Die Partner-Uni in Jerusalem hat ja auch islamische Studiengänge. Da kann man anfragen, wenn man für ein bestimmtes Feld einen Wissenschaftler sucht. Die können dann sagen, wo in Europa so eine kompetente Person ist, die nach Heidelberg kommen würde. Wir werden schauen, wie wir dann berufen. Der Beirat muss sein einverstanden sein. Der Beirat sagt, für welches Fach gesucht wird, aber die Berufungskriterien macht die Uni.
Frage:
Ist eine eigenständige und unabhängige Fakultät für islamische Studien angedacht?
Prof. Eitel: Wenn es gelingt, dass dieses Zentrum wächst, und wenn der politische Wille da ist, dann macht eine Fakultät Sinn. Wenn es aber bei fünf bis sechs Professuren bleibt, dann macht eine Fakultät keinen Sinn. Dann ist es besser, wenn es ein Zentrum bleibt, das dann die Befugnis und einen ähnlichen Status wie eine Fakultät bekommt. Wenn der politische Wille da ist, es mit der evangelischen Fakultät in Augenhöhe zu bringen, dann muss man die Ressourcen bereit stellen für diesen Status, nur der Statuswillen macht keinen Sinn.
Frage:
Welche Studiengänge und Abschlüsse wird es geben?
Prof. Eitel: Darüber müssen wir uns noch unterhalten. Es wird modularisiert sein, bei den Sozialberufen als Bachelor und Master, beim Lehramt als Staatsexamen, bei der Imam- Ausbildung als so etwas Ähnliches wie das Kirchenexamen. Das wird vom Beirat bestimmt, die werden die Prüfungsinhalte festlegen.
Frage:
Wird es bei diesem Studiengang auch Kooperationen mit den muslimischen Hochschulen aus dem Ausland geben - Auslandssemester?
Prof. Eitel: Davon gehen wir aus, so werden dann die Studiengänge konzipiert. Wir werden nicht festlegen, welche Uni. Aber durch unsere Verbindungen ins Ausland haben wir da große Vorteile. Wir bauen ja die deutsch-türkische Uni in der Türkei mit auf. Das wird flexibel, vorstellbar sind auch Auslandspraktika. Das sind aber Dinge im Rahmen des Curriculums, wo der Beirat mitwirkt. Es wird auch so sein, dass am Anfang manche Professuren aus dem Ausland besetzt werden, darum wird man nicht herum kommen.
Frage:
Werden dann die Absolventen von den Verbänden auch eingestellt? Gab es Gespräche in diese Richtung?
Prof. Eitel: Niemand sagt, dass er in Zukunft und wie viele Leute er einstellen wird. Aber von den Verbänden ist ein Interesse da. Man darf ja nicht vergessen, es gibt ja auch das Lehramt, da ist der Arbeitgeber das Land.
Frage:
Wird ein Zentrum für Islamische Studien an einer Universität die Anerkennung und Entwicklung einer muslimischen Religionsgemeinschaft in Baden-Württemberg positiv beeinflussen können?
Prof. Eitel: Das ist eine politische Frage. Ich glaube schon, dass diese Zentren, die an verschiedenen Standorten in Deutschland eingerichtet werden, einen Impuls auf die Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft ausüben werden. Dies muss aber von der Politik auch strukturell unterstützt werden. Vor allem die Lehramtsausbildung ist von entscheidender Bedeutung. Es werden Lehrer ausgebildet, die neben Mathematik und anderen Fächern auch islamischen Religionsunterricht unterrichten und die vom Staat eingestellt werden. Mit dem Lehramt haben wir einen zumindest am Anfang höheren Impuls in der Gesellschaft. Die Imame bzw. die Imamausbildung wird einen höheren Impuls haben, wenn die Imame mit der Gemeinde deutsch reden. Das ist sicherlich noch ein langer Weg bis dorthin.