Kurzprotokoll
Abrahamitisches Symposium - 10.12.2009
Beiträge der Gastredner - Teil 1
„Ich wurde zum 1. Mal von Muslimen zu einer Veranstaltung von solch hohem Niveau eingeladen“. Mit diesen Worten bedankte sich Tübingens Oberbürgermeister und somit Gastgeber Boris Palmer für die Einladung und bemerkte, dass er ganz besonders von dem Logo der Veranstaltung angetan war, da es neben den Symbolen für die 3 Weltreligionen auch das Symbol der Stadt Tübingen trägt. Überhaupt zeigte Palmer sich erfreut darüber, dass dieses Programm in Tübingen veranstaltet wurde und stellte in diesem Zusammenhang klar, dass Tübingen nicht die Schweiz sei. Weiter sagte er: „ Ich hoffe, dass der interreligiöse Dialog wohl gedeihen möge und wir hier weitere Veranstaltungen wie diese erleben dürfen.
Prof. Dr. theol. habil. Urs Baumann von der Universität Tübingen stellte mit seinen Gedanken klar, dass den Bemühungen der muslimischen Jugend um den interreligiösen Dialog alle Achtung gebührt. „Die jungen muslimischen Vereinsmitglieder von Süddialog e.V. greifen zum ersten Mal religiöse, politische und weitere Themen in Deutschland auf und diskutieren darüber auf hohem Niveau. Gerade im Hinblick auf die Geschehnisse in der Schweiz unterstrich Urs Baumann die hohe Bedeutung des Dialogs in der heutigen Zeit. „ Leider denken viele Menschen in Deutschland und in Europa an Terror und Wahhabismus wenn es um den Islam bzw. um Menschen muslimischen Glaubens geht. Der Islam muss vor solchen Diffamierungen geschützt werden. Deshalb sind interreligiöse Dialoge so wichtig.“
Dr. Michael Blume, Religionswissenschaftler in der Grundsatzabteilung des Staatsministeriums in Baden-Württemberg wusste über Aktivitäten und Veranstaltungen im Namen des Dialogs in Baden Württemberg aus der jüngsten Vergangenheit zu berichten. In seiner Rede hob er hervor dass das was man in der Schweiz erlebt hat und die Entscheidung in Berlin den Religionsunterricht abzuschaffen zeigen, dass hinter solchen Handlungen vor allem Angst steckt. Diese Angst kann man nur mit dem Dialog besiegen. Den Medien bescheinigte Dr. Blume ein negatives Urteil. „ Trotz der vielen Dialog- Veranstaltungen in Baden- Württemberg bringen es die Meiden dennoch fertig diese zu übersehen und präsentieren ihren Lesern nur Negativ- Meldungen. Dass in solchen Veranstaltungen ein Imam und ein jüdischer Priester sich freundschaftlich die Hand geben und ins Gespräch kommen ist für sie in keinster Weise interessant.“ Er berichtete von den gemeinsamen Programmen im Rahmen des Fastenbrechens und den Festlichkeiten der jüdischen Gemeinde, die das Land jedes Jahr organisiert. Darüber hinaus sprach Dr. Blume über die gemeinsamen Moschee- und Synagogenbesuche mit dem ehem. Ministerpräsidenten von Baden- Württemberg Günther Oettinger für eine bessere Verständigung und einen intensiveren Dialog.
Herr Oettinger, der verhindert war und nicht teilnehmen konnte sendete ein Glückwunschschreiben. Dieser wurde von Dr. Blume verlesen. Darin bedankte Oettinger sich bei Süddialog wegen seiner Bemühungen zur Schaffung einer Basis für einen fruchtbaren Dialog. Sein Dank galt ebenso der Stiftung Weltethos. Oettinger brachte zum Ausdruck dass in Baden – Württemberg ca. 10 Tausend Menschen mit jüdischem Glauben und 600 Tausend Muslime leben und diese Vielfalt eine Bereicherung für das Land ist. Er machte deutlich, dass die Migranten keinesfalls nur „Gäste“ sind sondern als Mitbürger ihren festen Platz in der Gesellschaft eingenommen haben.
Prof. Dr. Walter Homolka, Rektor des Abraham- Geiger Kollegs an der Universität Potsdam brachte den Zuhörern das Leben Abrahams, dem Stammvater der 3 Weltreligionen aus jüdischen Quellen nahe: „Ismael, der erste Sohn Abrahams mit Hagar ist zugleich der Stammvater der Araber. Isaak- der erste Sohn Abrahams mit Sara ist der Stammvater der Juden. Aus dieser Sicht sind Muslime und Juden quasi Halbbrüder. Aufgrund seines festen Vertrauens in Gott wurde Abraham immerzu Gottes Segen zuteil. Er führte ein Nomadenleben und mit seiner Gastfreundschaft und mit dem unermesslichen Segen Gottes fand er einen Weg in die Herzen der Menschen. Wie einst Abraham ziehen auch die Menschen in unsere Zeit umher. Aus dieser Tatsache heraus kann eine friedliche Koexistenz nur dann entstehen wenn auch die Gastfreundschaft gezeigt und gelebt wird. Der einzige Weg für ein friedliches Zusammenleben ist die freundliche Aufnahme des Gastes und eine aufrichtige Zuwendung.“
„Die Gründe weshalb Abraham Gottes Segen zuteil wurde sind ganz besonders in seiner ausgeprägten Gastfreundschaft, seinem festen Glauben an Gott und in seinem unerschütterlichen Vertrauen in Ihm zu suchen.“ Mit diesen Worten wandte sich der Generalsekretär der Intercultural Dialogue Platform sowie Vizevorsitzender der Stiftung für Journalisten und Schriftsteller in der Türkei Cemal Usak an die Zuhörer. „In Anatolien gibt es eine Redewendung: >>Möge Gott dein Heim mit dem Segen Abrahams belegen<<. Dies zeigt uns, dass für die Gunst Gottes die Gastfreundschaft und die Zuwendung zu den wichtigsten Bedingungen zählen. In der heutigen Welt in der die Globalisierung in vollem Gange ist hält der Wanderungsstrom von Süden in den Norden oder von Osten in den Westen weiter an. Die Gründe liegen vor allem in der existenziellen Bedrohung oder in der Hoffnung auf bessere wirtschaftliche Bedingungen. Ob wir nun Bürger des Gastgeberlandes sind oder Auswanderer. In jedem Fall können wir viel von Abraham lernen. Die Verpflichtung zu den Grundlehren Abrahams wie Gastfreundschaft und die völlige Hingebung zu Gott sind es, die Liebe, Frieden, gegenseitige Achtung und Toleranz gedeihen lassen. Der Weltfrieden hängt von dem Bewusstsein der Söhne Abrahams über ihre Pflichten ab.
Prof. Dr. Karl Prof.Dr.Karl Kuschel, stellvertretender Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung der Universität Tübingen und Vizepräsident der Stiftung Weltethos hob die Stellung Abrahams, die gleichermaßen von den 3 Weltreligionen geteilt wird hervor. Im Weiteren ging er auf die erbrachten Dialogbemühungen ein. „Mein Wunsch war es die im Jahre 2000 von Herrn Dr. Blume begonnenen Dialog- Aktivitäten in Filderstadt voranzubringen. Aus dieser Absicht heraus kam die Gründung des „Haus Abrahams“ zustande. Es folgten jede Menge gemeinsamer Organisationen mit Muslimen, Christen und Juden. Bis heute jedoch habe ich den Dialog als einen zwischen Christen und Juden aufgefasst. Heute wurde meine Auffassung von den Mitgliedern des Süddialog e.V. überzeugend widerlegt. Zum ersten Mal organisierte eine muslimische Vereinigung ein solches Symposium. Mein Dank und meine Anerkennung gilt dieser Initiative. Im Namen des Friedens müssen wir gemeinsame Werte und Größen wie Abraham nutzen. Denn Abraham ist hierfür eine wichtige Schlüsselfigur.
Im 2. Abschnitt des Symposiums übernahm Frau Irene Tröster die Moderation. Darin wurde das Thema „ Aufnahmeland Deutschland- das bis heute Geleistete und was noch geleistet werden muss“ durchleuchtet.
Prof. Dr. Walter Siebel von der Universität Oldenburg stellte die Integration als eine Entwicklung auf beiden Seiten dar: „Sowohl die deutsche Gesellschaft als auch die Migranten müssen sich in diese Entwicklung einbringen. Wer mit Fäusten nach einer Lösung sucht wird nicht weit kommen. Leider sind die Chancen dieser Menschen auf dem Arbeitsmarkt relativ gering.“ Hier fand Dr. Siebel beim Thema Gleichbehandlung ein paar kritische Worte: „Wenn Jungendliche mit Migrationshintergrund trotz abgeschlossener Berufsausbildung keine Arbeit finden weil sie vielleicht sogar aufgrund ihrer Herkunft unfair behandelt werden wird es schwer Argumente dafür zu finden weshalb die Familien die Jugendlichen während der Ausbildung oder bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz motivieren und unterstützen sollen!
Die Reutlinger Referatsleiterin für Migrationsfragen Sultan Braun machte auf das hohe Durchschnittsalter der deutschen Bevölkerung aufmerksam. Dem hingegen steige die Zahl der jungen Migranten stetig. „ In Reutlingen stammen 52% der Altersgruppe bis 3 Jahre aus Migrantenfamilien. Von diesen Zahlenverhältnissen ausgehend und zur Förderung der Integration müssen Städte und Gemeinden Migranten an der Stadt- oder Gemeindeverwaltung mitwirken lassen.
Der Direktor des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen Prof. Dr. Reinhard Johler hatte seine eigenen Erfahrungen als Migrant gemacht und erzählte von seinem damaligen Erlebnis als er von Österreich nach Deutschland zog und deshalb auf dem Ausländeramt vorstellig wurde. Ihn habe das Gefühl gepackt als sei er nicht willkommen als er den Hinweis an der Tür gelesen hatte: „Liebe Ausländer, bitte treten Sie jeweils einzeln in das Zimmer ein“ war da zu lesen. „Diese Aufforderung war ein deutliches Zeichen dafür, dass man hier unerwünscht war! Migranten, die auf diese Weise empfangen werden sind überdies durch negative Medienberichte zusätzlich einem hohen Druck ausgesetzt. Menschen, die hierher kamen und geblieben sind, sind keine Gastarbeiter mehr. Deutschland hat es lange Zeit abgelehnt anzuerkennen ein Einwanderungsland zu sein. Aus diesem Grund hat es lange Zeit keine Einwanderungspolitik gegeben. Die Gründe weshalb die Migranten Probleme haben sich zu integrieren sind hier zu suchen.“
Oktay Yaman von der türkischen Tageszeitung Zaman stellte in seiner Rede fest, dass die Politiker in Deutschland seit Neuem nicht mehr von „Migranten“ sondern von „Türken“ sprechen. „ Die ausgrenzende Auffassung der Politiker und die unpassende Begriffswahl ist ehrverletzend“. Weiter meinte Yaman, dass der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt in einer Rede aus dem Jahre 2004 ebenso ehrverletzende Worte zu diesem Thema fand: „ Eines unserer größten Fehler vor 60 Jahren war es, Menschen aus fremden Kulturkreisen in unser Land zu holen.“ Berichte und Artikel aus Zeitschriften wie dem Focus oder Spiegel, die die Muslime in Ihrem Ehrgefühl verletzen beeinflussen die Sichtweise der deutschen Bevölkerung gegenüber Fremden negativ und schüren Diskriminierung. Ein friedliches Zusammenleben der Menschen kann im Grunde nur dann zustande kommen wenn die Medien und die Politik ihren Pflichten gerecht werden. Das Abrahamitische Symposium wurde von Süddialog e.V. in Zusammenarbeit mit der Stiftung Weltethos, der Landeszentrale für politische Bildung und der Inter Connect Neckar Alb (ICONA) organisiert. Der Verein Süddialog e.V. veranstaltet regelmäßig Gesprächsrunden mit interessanten Gesprächspartnern und Themen.