Gmünder Gespräche Dr. Margarete Spohn

 

Islambild und Muslime in Deutschland


Dr. Margarete Spohn*

 

Was hat das Läuten der katholischen Glocken zur Mittagszeit mit dem Beten des Rosenkranzes und beides zusammen mit den Türken zu tun? Wieso trifftman in Deutschland auf Grabstätten aus dem 17. Jahrhundert, auf denen steht: „Der darunterliegende Türk ist in seinem Irrglauben dahingefahren?“ Wieso hieß 1735 der Pfarrer von Rüdisborn, Herr Christian, Joseph Borg, vor 1688 Yusuff und war ein türkischer Offizier? Wieso ist „Türkenblut“ die Bezeichnung für einen besonders dunklen Rotwein? Was hat die deutsche Redensart „Mach kein Hekmek“ mit hungernden Kriegsgefangenen aus dem Osmanischen Reich zu tun, die in Berlin nach Brot, nach Ekemek, riefen? Wieso erschien um 1937 ein Aufsatz  mit dem Titel: Stammesfremde Splitter im mainfränkischen Volkskörper“ und 1938 ein Artikel zur „Beimischung türkischen Bluts in deutsche Familien“? Was hat ein„Beutetürke“ am Hof von Sophie Charlotte in Berlin mit dem heutigen Historiker und Antisemitismusforscher Professor Götz Aly gemeinsam? Wieso verweist die Redensart „das ist getürkt“ mitnichten auf zweifelhafte Praktiken im Sinne von „das ist gefälscht“, sondern ist Zeugnis der militärischen Auseinandersetzung zwischen dem Osmanischen Reich und Europa? Wieso kann der Forscher Jean Delumeau in seinem Standartwerk: „Angst im Abendland – die Geschichte kollektiver Ängste im Europa des 14. und 18. Jahrhundert“ die ‚Angst vor den Türken‘ als eine DER treibenden Kräfte für die Konstituierung Europas bezeichnen? Und wieso gibt es in Dresden eine ehemalige Tabakfabrik, Yenizde, die schon von weitem in ihrer Architektur als Moschee erkennbar ist?All dies sind Relikte vergessener Kapitel deutsch-türkischer Geschichte, die jedoch bis heute im deutschen Unterbewusstsein verankert sind und ihre Auswirkungen zeigen - im Positiven wie im Negativen. Diese Bilder sind eng verknüpft mit der Angst vor dem Islam, ein Thema, das an Aktualität nichts eingebüßt hat.


Dienstag, 28. Juni 2011 von 19.00 Uhr - 20.30 Uhr


Im Prediger · Refektorium · Johannisplatz 3 · 73525 Schwabisch Gmünd

 

* arbeitet derzeit bei der Stelle für interkulturelle Arbeit der Landeshauptstadt München