Fethullah Gülen und sein Engagement für eine friedliche Zivilgesellschaft. Ein Porträt.
Die Vereinsarbeit des Süddialog e.V. fußt sowohl auf den Ideen des in den USA ansässigen muslimischen Gelehrten und Intellektuellen Fethullah Gülen als auch auf den für westliche Gesellschaften verbindlichen Werten und Idealen.
Diese nur auf den ersten Blick ungewöhnliche Kombination führt bisweilen zu Missverständnissen und verleitet zu Fehlinterpretationen unseres Vereins und unserer Arbeit. Im Folgenden möchten wir versuchen unsere Sichtweise diesbezüglich zu verdeutlichen:
Fethullah Gülen zählt mit seinem Einsatz für den interreligiösen und für den interkulturellen Dialog, für die Wissenschaften, für die Demokratie, gegen Gewalt und gegen den Missbrauch der Religionen für politische Ideologien zu den einflussreichsten zeitgenössischen türkisch-muslimischen Gelehrten.
Er ist Prediger, Philosoph, Gelehrter, Autor, Dichter und Pädagoge in einer Person. Mit seinem Wirken fördert er die Zusammenarbeit der Völker für eine friedliche Welt und nicht deren Kämpfe gegeneinander.
Seine Überzeugung lautet: „Sei so tolerant, so dass dein Herz so weit wird wie der Ozean. Lasse dich inspirieren vom Glauben und der Liebe der Menschen. Lasse keine hilfsbedürftige Seele ohne helfende Hand und ohne deine Sorge um sie sein.“
Die von Fethullah Gülens Überzeugung inspirierte friedliche „Bürger“-Gesellschaft, die auch als Gülen-Bewegung oder Hizmet-Bewegung (Aussprache: Hismet, Übersetzung: Dienst am Menschen) bekannt ist, wobei sich zu dieser Bewegung zugehörig fühlende Menschen einfach nur die Bezeichnung "Hizmet" verwenden, steht auf den folgenden Säulen:
Gülen wird sowohl von den Muslimen in der Türkei als auch von den Muslimen in der ganzen Welt anerkannt als einer der bedeutendsten muslimischen Prediger einer sunnitischen Tradition, der fast 90 Prozent aller Muslime weltweit angehören. Sie sehen in ihm außerdem einen Denker, einen Dichter, einen produktiven Autor, einen Pädagogen und einen Meinungsführer.
Die Zahl seiner Leser wird alleine in der Türkei auf sieben Millionen Muslime geschätzt. Sein Einfluss außerhalb der Türkei wächst täglich, und seine Bücher und Aufsätze werden in viele Sprachen übersetzt, darunter Englisch, Arabisch, Russisch, Deutsch, Spanisch, Urdu, Bosnisch, Albanisch, Malaysisch und Indonesisch.
Zusätzlich zu gedruckten Publikationen sind seine Ideen einer stetig wachsenden Weltbevölkerung durch private Radio- und TV-Netzwerke, die mit seinen Ansichten übereinstimmen, zugänglich.
Gülens Name ist inzwischen untrennbar mit seinem konsequenten Eintreten gegen die Anwendung von Gewalt aus angeblich religiösen Gründen verbunden.
Gülen wirbt seit mehr als einem Jahrzehnt aktiv für einen interreligiösen und interkulturellen Dialog. Die Türkei verdankt ihm einen positiven Umgang zwischen ihrer muslimischen Mehrheit und den verschiedenen religiösen Minderheiten wie griechisch-orthodoxen, armenisch-orthodoxen, katholischen und jüdischen Gemeinden.
Außerhalb der Türkei hat sein Eintreten für einen interreligiösen Dialog viele dazu inspiriert, Vereine und Stiftungen zu gründen, die einige Ansichten Gülens verfolgen: Gegenseitiges Verständnis, einfühlsame Akzeptanz, friedliche Koexistenz und konstruktive Zusammenarbeit. Seine jahrelangen Bemühungen um Dialog und Toleranz wurden unter anderem durch eine persönliche Audienz bei Papst Johannes Paul II., eine Einladung des sephardischen Rabbi von Israel sowie Einladungen zu Gesprächen mit den Oberhäuptern der unterschiedlichen christlichen Konfessionen gewürdigt.
Gülen wirbt für eine Zusammenarbeit der Völker auf der Basis von Dialog, gegenseitigem Verständnis und dem Bekenntnis zu gemeinsamen Werten. Als Vertreter einer bürgerlichen Mehrheitsmeinung unterstützt er die Bemühungen der Türkei um ihre Aufnahme in die Europäische Union, von der beide Seiten gleichermaßen profitieren würden.
Gülen ist bekannt für seine Betonung der islamischen Spiritualität, die in der westlichen Welt auch als Sufismus bekannt ist, und für sein offenes Zugehen auf seine Mitmenschen. Diese Eigenschaften sind zurückzuführen auf die spirituelle Erziehung und Ausbildung, die er in seiner Jugend erfahren hat. Daher rührt auch sein Verständnis von Liebe, von Mitgefühl und von einem offenen Umgang mit allen die Menschen betreffenden Angelegenheiten, was ihm die Bezeichnunh „moderner Rumi“ eintrug.
Şefik Can, ein Sufi-Meister und Autor, bat Gülen, das Vorwort zu seinem Buch über Rumis Leben und Lehre zu schreiben. Das von Gülen selber verfasste zweibändige Werk über den Sufismus dient inzwischen als Lehrbuch in Universitätskursen zu den spirituellen Traditionen der Welt.
Gülen hält Wissenschaft und Glauben nicht nur für miteinander vereinbar, sondern er vertritt die Überzeugung, dass sie aufeinander aufbauen und einander ergänzen. Deshalb setzt er sich für die wissenschaftliche Forschung und den technologischen Fortschritt zum Wohle der gesamten Menschheit ein.
Gülen ist mit dem Denken führender Vertreter der westlichen Tradition vertraut und in der Lage, sich über seine Schriften und Vorträge Ansprachen mit ihnen auszutauschen.
Gülen hält die Staatsform der Demokratie für das einzig realisierbare politische Herrschaftssystem. Er verurteilt Versuche, Religion in politische Ideologien umzuwandeln und fordert alle Bürger dazu auf, sich zu informieren und Verantwortung im politischen Leben ihres Landes zu übernehmen. Gleichzeitig betont er die Flexibilität, die in den Grundlagen des Islams liegt, und dessen Vereinbarkeit mit einer demokratischen Staatsform.
Er verurteilt die Unterdrückung und Diskriminierung von Frauen. Jegliche Formen von Gewaltanwendung gegen Frauen werden von ihm aufs schärfste abgelehnt.
Gülens größte Lebensleistung liegt wohl darin, dass seine Visionen und Ideen nicht Theorie geblieben sind, sondern stattdessen in der Form von „Bürger“-Projekten verwirklicht werden. Weltweit existieren inzwischen mehrere hundert säkulare Erziehungseinrichtungen wie Schulen, Universitäten und Sprachschulen, die von Gülen inspiriert und von lokalen Unternehmern, selbstlosen Erziehern und engagierten Eltern aufgebaut wurden.
Bemerkenswerte Beispiele solcher Schulen finden sich vor allem in der südöstlichen Türkei, in Zentralasien, in Afrika, im Fernen Osten und in osteuropäischen Ländern. Alle diese Schulen sind Vorbilder für harmonische interreligiöse und interkulturelle und für soziales Engagement zum Wohle der Menschheit. Ganz besonders in konfliktgeprägten Regionen wie den Philippinen, der südöstlichen Türkei, im Balkan und Afghanistan helfen diese Institutionen, die Armut zu reduzieren und die Bildungschancen zu verbessern, wodurch im Gegenzug die Anziehungskraft der in diesen Ländern beheimateten terroristischen Vereinigungen sinkt.
Alle diese Schulen leisten nicht nur einen Beitrag zur sozialen Harmonie in der Gesellschaft, ihre Schülerinnen und Schüler sind auch unter den Gewinnern internationaler Wissenschafts- und Mathematikwettbewerbe zu finden.
Gülens Ideen und sein Engagement haben nicht nur zur Errichtung von Bildungseinrichtungen, sondern auch zur Gründung von Wohlfahrtorganisationen, von nachhaltig wirkenden Entwicklungshilfeorganisationen, von Medieneinrichtungen und von medizinischen Instituten geführt.
Hasan Dagdelen, Süddialog e.V.
Weitere detaillierte Informationen zu Fetullah Gülen finden sich im Internet unter: http://de.fgulen.com/