Gmünder Gespräche – Vortrag Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel: „Alle haben den gleichen Vater“ am 9. Juni 2010 im Prediger Refektorium
Am 9. Juni 2010 hielt der Theologe Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel auf Einladung des Gmünder Yunus Emre Fördervereins und des Südialog e.V. im Rahmen der interkulturellen Frauenbegegnungen in Schwäbisch-Gmünd unter dem Überschrift „Alle haben den gleichen Vater“ einen Vortrag über die großen Weltreligionen. Für das Judentum sei Abraham unverzichtbar durch die konkrete Landzusage und die Hervorhebung der Juden als auserwähltes Volk. Durch die Aussage „Durch Dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ entstehe aber auch die „Verpflichtung, segensreich für andere zu sein“, so Kuschel. Für die Christen sei Abraham von zentraler Bedeutung, weil sie wegen ihres unbedingten Gottvertrauens beschenkt werden und weil sich hier Gott als souveräner Schöpfer zu erkennen gibt, „der die Toten lebendig macht und aus Unfruchtbarem Fruchtbares schafft“. Und für Muslime schließlich sei Abraham, der in 25 Suren des Korans unter dem Namen „Ibrahim“ erwähnt wird, der „monotheistische Glaubenskämpfer“, der sich im Generationenkonflikt in der eigenen Familie durchsetzen muss. Davon ableitend seien diese Koranstellen auch eine Absage an Götzendienerei, so der Theologe Kuschel, der Thora, Bibel und Koran nicht als „Geschichten von anno dazumal“ verstanden wissen wollte, sondern als im Glauben verpflichtende Texte mit gesellschaftlichem Bezug zur Gegenwart. Tatsache sei aber auch, dass jede Religion Abraham für sich allein beansprucht. Eine „Zwangsvereinigung“ der abrahamitischen Religionen strebe Kuschel keineswegs an, denn auch mit den von ihm benannten Gemeinsamkeiten in der Überlieferung und Rezeption Abrahams werden die Unterschiede im Glauben nicht kleiner. Der stellvertretende Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung der Universität Tübingen plädierte daher für eine „Erinnerungs-, Erzähl- und Lerngemeinschaft“ und bemühte als Vorbild für das Zusammenleben der Religionen das Bild des gesunden Familienlebens, zu dem auf der einen Seite „Streit und Rivalität“ und auf der anderen Seite auch die „Verantwortlichkeit füreinander“ gehörten.